Wetzlars Grüne möchten nach der Kommunalwahl 2011 ein hauptamtliches Magistratsmitglied stellen - egal mit wem sie koalieren.

Grüne Inhalte werden in Wetzlar schon seit Jahren überwiegend von der SPD vertreten.

17. Juli 2010.   Wenn er aufsteht, nachdem er sich zu Wort gemeldet hat, die wenigen  Schritten  zum Rednerpult mehr schlurft als geht,  wird es ruhiger im Plenum. Er weiß, wie er die Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Am Rednerpult  schaut er erst langsam  nach rechts zur eigenen Fraktion, dreht dabei  nicht nur den Kopf, sondern den ganzen Körper. Kurzes Zögern, dann das Gleiche in die Gegenrichtung. Er holt Luft, zieht beide Schultern, mehr eine Andeutung, hoch, winkelt die Unterarme an, Handfläche nach.oben. Bis jetzt hat er noch kein Wort gesagt. Im Sitzungssaal ist es  ruhig geworden. Jetzt hat er die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Stadtverordneten. Er zelebriert seinen Auftritt. Seht her, hier steht  der Silberrücken des Wetzlarer Stadtparlaments, das klügste und erfahrenste Alpha-Tier unter den Wetzlarer Stadtverordneten, der rhetorische und intellektuelle Leitwolf.  Sein ganzer Auftritt, seine Körpersprache, noch bevor er etwas gesagt hat, signalisieren seinen vermeintlich ihm gebührenden Platz in der Rangordnung der gesamten Gruppe. Und wenn er dann zu reden beginnt, sonore tiefe Stimme, deutliche Artikulation, manchmal etwas überbetont,  spürt man, dass er es gewohnt ist vor Menschen zu reden. Die Jahrelange Routine als Lehrer bringt das mit sich.

Rainer Michalek (66), von dem ist hier die Rede,  pensionierter Lehrer und Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Wetzlarer Stadtverordnetenversammlung ist mit sich selbst im Reinen. Mangelndes Selbstbewußtsein oder gar Anwandlungen von Selbstkritik konnten dem Chef der Grünen - Fraktion noch nie nachgesagt werden. Und die Tatsache, dass es bei Abstimmungen im Stadtparlament  oft vorkommt, dass sich insbesondere die weiblichen Mitglieder seiner Fraktion überhaupt nicht um die Maßgabe ihres Vorsitzenden scheren und anders als er abstimmen, ignoriert er wohlweislich. Ein alternder Silberrücken, das lehrt die Verhaltensforschung, muß, wenn es um den Zusammenhalt der Gruppe geht, das Eine oder Andere auch einfach einmal souverän übersehen können. 

Was hingegen Wähler und Symphatisanten der heimischen Grünen immer weniger übersehen ist die Tatsache, dass Wetzlars Grüne im Stadtparlament kommunalpolitisch eher lieber zuschauen als selbst initiativ zu werden. Mit eigenen Anträgen urgrüne Themen auf die Tagesordnung der Stadtverordnetenversammlung zu bringen ist ihre Sache nicht.  Ob Initiativen zum Individualverkehr (fahrradfreundliche Stadt, städtischer Nahverkehr), zur kommunalen Energiepolitik (Blockheizkraftwerk für’s städtische Rathaus, energetische Abwassernutzung, Zukunftsfähigkeit der Stadtwerke), ob ökologische Maßnahmen für die Lahnaue oder Bekämpfung von Herkulesstaude und allergieauslösender Ambrosia bis hin zu Initiativen für besseren Lärmschutz:   Dies sind in Wetzlar Themen der SPD - und dies schon seit Jahren.  Die Rolle der grünen Fraktion im Stadtparlament beschränkt sich meist darauf,  Anträge und Initiativen, die andere eingebracht haben, zu kommentieren und zu bewerten. Gleich ob Rechtschreib- oder Interpunktionsfehler, ob Nebensächlichkeiten oder gravierende politische Differenzen - mit rhetorischer Eloquenz wird zensiert, auch einmal gönnerhaft gelobt und oft auch  niedergemacht. Kritik an eigenen Anträgen und Initiativen müssen sie wahrlich nicht fürchten. Denn wer nichts macht macht bekanntlich auch keine Fehler.

In der Stadtverordnetensitzung vom 1. Juli 2010 hatte Michalek weit ausgeholt und den anwesenden Parlamentariern und Besuchern einen bezeichnenden  Einblick in die grüne Geisteshaltung eröffnet. Der SPD - Antrag zur Beendigung der Amtszeit des Baudezernenten erfuhr zunächst einen exklusiven Verriß durch den Grünen-Chef. Einen Einstieg in einen Magistrat mit nur drei hauptamtlichen Magistratsmitgliedern sei mit den Grünen nicht machbar. Der vorliegende SPD-Antrag bezwecke aber genau dies.  Im Falle einer  Koalitionsbeteiligung der Grünen nach der Kommunalwahl 2011, wie immer die auch aussehen möge, bestünden sie auf einem hauptamtlichen Magistratsposten. Deshalb werde der SPD - Antrag von den Grünen ohne Wenn und Aber  abgelehnt!    Kein Wort der Grünen  über notwendige Personaleinsparungen auch auf der Führungsebene der Wetzlarer Stadtverwaltung und damit auch strukturelle Entlastung für den drangsalierten städtischen Haushalt. Kein Wort davon, dass in den meisten Sonderstatusstädten Hessens längst drei Hauptamtliche der Normalfall sind - und kein Wort von der Verantwortung der politischen Parteien gegenüber den Bürgern und ihren Wählern. Es geht hier um Beute. Und da kennen    Silberrücken, selbst wenn noch ein leichter Grünstich aus alten Tagen  im Fell durchschimmert, nun überhaupt keinen Spaß.

 

 

  Hrsg. SPD - Stadtverband Wetzlar ; V.i.S.d.P. Brigitte Droß,  Bergstrasse 60, 35578 Wetzlar Tel 06441 2092520 ;   Fax: 0180 506034747573 ; email: redaktion @ wetzlar-nachrichten.de;   Veröffentlichung und Weiterverbreitung von Beiträgen und Fotos nur mit Quellenangabe und Genehmigung der Redaktion zulässig;  für namentlich gekennzeichnete Beiträge übernimmt der jeweilige  Autor die alleinige presserechtliche Verantwortung