Same procedure as every year: Wetzlarer Festspielverein auch in 2008 im selbstverursachten Defizit - und die Stadt stopft das Loch , wie in jedem Jahr ...... 22. November 2008 „Mir fällt allerdings auf, dass alle anderen Kulturkreise und Vereine offenbar kein Problem damit haben, trotz gleicher Rahmenbedingungen ihre
finanziellen Hausaufgaben zu bewältigen, wir aber in nahezu penetranter Regelmäßigkeit die defizitäre Situation dieses einen Vereins regeln dürfen“, so Klaus Tschakert, der kulturpolitische Sprecher der SPD-Fraktion in der Wetzlarer
Stadtverordnetenversammlung. Wetzlars SPD-Stadtverordnete sind die einzigen, die dies so im Stadtparlament nicht länger mitmachen wollen. Der Wetzlarer Festspielverein gilt mittlerweile in der heimischen Kulturszene als Negativbeispiel
für finanziellen und organisatorischen Dilettantismus. Dass Jahr für Jahr die meist selbstverschuldeten Finanzlöcher des Vereins durch die Bürger der Stadt gestopft werden, wird offensichtlich von den Verantwortlichen
als selbstverständlicher Service angesehen - zusätzlich zu dem hohen fünfstelligen jährlichen Zuschuß, den der Verein aus dem städtischen Haushalt erhält.
Der Verein Wetzlarer Festspiele arbeitet seit vielen Jahren im Bereich des Kartenvorverkaufes mit einer Wetzlarer Vorverkaufsagentur zusammen. Die Vorverkaufsstelle – bei der es im Jahr 2007 einen Inhaberwechsel gegeben hat – ist bisweilen ihrer Abrechnungsverpflichtung und Rechenschaftslegung nur unzureichend nachgekommen und hat insbesondere den größeren Teil der noch ausstehenden Zahlungen bislang nicht an den Verein „Wetzlarer Festspiele“ überwiesen.
Aufgrund der geschilderten Situation und der Tatsache, dass der Verein nicht über eigene Rücklagen verfügt, ist beim Festspiele-Verein ein
Liquiditätsengpass entstanden, da der Erlös aus dem Kartenverkauf planmäßig zur Abdeckung eigener Verbindlichkeiten vorgesehen war. Vor diesem Hintergrund hat die Stadt Wetzlar nunmehr dem Festspielverein überplanmäßig einen
weiteren Sonderzuschuss in Höhe von 53.000,00 Euro zur Verfügung gestellt.
Vorausgegangen war eine heftige politische Diskussion aller Parteien in den Fachausschüssen und in der Stadtverordnetenversammlung.
„Eine Kontrolle, wie viele Karten die Vorverkaufsstelle verkauft und was sie mit uns abrechnet, haben wir nicht.“
Mit diesen Worten hat der hauptamtliche Geschäftsführer der Festspiele den Wetzlarer Stadtverordneten im Haupt- und Finanzausschuss einen ersten Einblick in die Geschäftsabläufe rund um den Kartenvorverkauf für die Wetzlarer Festspiele gegeben.
In der Ausschusssitzung erwähnte Festspiel-Geschäftsführer Marcos Navas zudem, dass der Verein bei dem Vorverkäufer aus der Abrechnung der Saison 2007 noch Außenstände habe. Marcos Navas sprach von einer vierstelligen Summe: „Das Geld ist bis heute nicht gezahlt.“
Der Vorsitzende des Vereins, Hans Joachim Spiegelhalter, erklärte zu den Vorgängen, dass eine von der Ersteingabe unabhängige Gegenkontrolle der Daten bei der verwendeten Buchungssoftware nicht möglich sei. Der Kartenvorverkauf sei mehr oder weniger Vertrauenssache.
Auch das Rechnungsprüfungsamt der Stadt Wetzlar war nach eingehender Prüfung sämtlicher Unterlagen nicht in der Lage, verlässlich zu sagen, ob der angegebene Umsatz aus dem Vorverkauf des Händlers stimmt oder nicht.
Dennoch stärkt der Verein „Wetzlarer Festspiele“ seinen Geschäftsführer Miguel Marcos Navas den Rücken.
Nach Auffassung des Vereins dürfe kein Zweifel daran bestehen, dass die finanziellen Probleme alleine daraus resultieren, dass eine Vorverkaufsstelle nicht ihren vereinbarten Pflichten nachgekommen sei.
Genau das sehen Wetzlar’s Sozialdemokraten anders. Nach Auffassung der SPD-Fraktion kann sich der Verein von einer gewissen Mitverantwortung nicht freisprechen. Wer ein Geschäft in einer Größenordnung von 70 bis 80.000 Euro aus der Hand gibt, ohne über ausreichende Kontrollmechanismen über das weitere Geschäftsgebaren zu verfügen, handelt aus Sicht der Sozialdemokraten nicht professionell . Dies auch vor dem Hintergrund, dass sich aus der Abrechnung 2007 noch Außenstände der Vorverkaufsstelle in vierstelliger Höhe feststellen lassen, die bis heute keiner Klärung zugeführt wurden. Aus Sicht der SPD-Fraktion sei es nicht zu rechtfertigen, dass bei solchen Summen keine zeitnahen Abschlagszahlungen vereinbart und überwacht werden. „Gelegenheit schafft bekanntlich Diebe“, so ihr kulturpolitischer Sprecher Klaus Tschakert.
Unabhängig von der geschilderten Problematik zeigt die vorläufige Abrechnung der Wetzlarer Festspiele für das Jahr 2008 eine erneute Unterdeckung aus dem Spielbetrieb in Höhe von ca. 27.000 Euro. Trotz grundsätzlich positiver Saison haben – so die offizielle Begründung – im Wesentlichen zwei Veranstaltungen, nämlich Operette und Ballett, deutlich niedrigere Zuschauerzahlen als noch in der Vorkalkulation angenommen, beschert.
Aus Sicht der Sozialdemokraten lassen sich diesmal keine äußeren, vom Verein nicht zu vertretende Umstände feststellen, die etwa einer Erklärung dieses erneuten Defizits dienen könnten. Dies auch vor dem Hintergrund, dass der Zuschuss für den Festspiele-Verein erst in 2008 um satte 15.000 Euro erhöht wurde.
Auch das Wetter kann diesmal nicht zur Erläuterung der defizitären Situation dienen. Ganze zwei Veranstaltungen mussten aufgrund widriger Witterungsverhältnisse in die Stadthalle ausweichen, eine davon war das Preisträgerkonzert, das bis auf den letzten Platz ausverkauft war.
Am Programm lag es aus Sicht der Genossen ebenfalls nicht, da das Programm nach deren Einschätzung überwiegend auf ein positives Echo innerhalb der Wetzlarer Bevölkerung gestoßen ist.
Die Sozialdemokraten gehen vielmehr im Ergebnis davon aus, dass möglicherweise die kaufmännische Kalkulation nicht stimmte. Der Verein könne sich nicht darauf berufen, die Kalkulation sei ein schwieriges Unterfangen, weil der Verein dabei von Schätzzahlen ausgehe. Mit diesem Phänomen – so ihr Sprecher Klaus Tschakert – müssen alle Kulturanbieter in dieser Stadt auskommen, also auch die, die sich keinen Geschäftsführer und keine Intendanten leisten, sondern sich allein auf ehrenamtliche Hilfe beschränken müssen.
Auch der Theaterring, der Kulturförderring, das Kellertheater oder das Franzis müssen in ihrer kaufmännischen Kalkulation von Schätzzahlen ausgehen, so Klaus Tschakert weiter.
„Mir fällt allerdings auf, dass alle anderen Kulturkreise und Vereine offenbar kein Problem damit haben, trotz gleicher Rahmenbedingungen ihre finanziellen Hausaufgaben zu bewältigen, wir aber in nahezu penetranter Regelmäßigkeit die defizitäre Situation dieses einen Vereins regeln dürfen“, so der kulturpolitische Sprecher der SPD-Fraktion.
Die Sozialdemokraten weisen ferner darauf hin, dass die Kulturförderung in dieser Stadt schon lange eine prekäre Schieflage erlitten habe. Dazu müsse man sich nur einmal die Höhe der ansonsten an die Wetzlarer Kulturvereine gezahlten Beträge anschauen. Die Wetzlarer SPD-Fraktion will deshalb in Kürze einen Antrag einbringen, der darauf abstellt, Grundlagen für ein vielfältiges kulturelles Leben und der Förderung und Unterstützung in der Stadt Wetzlar zu erarbeiten. Kulturförderung muss aus Sicht der Sozialdemokraten transparent und nachvollziehbar sein.
Begrüßt wird von den Genossen die Überlegung, den Eigenbetrieb Stadthallen Wetzlar in das Finanzmanagement der Wetzlarer Festspiele mit einzubeziehen. Schon lange steht für die SPD-Fraktion fest, dass bei den Festspielen ein zeitnahes Finanzmanagement gebraucht wird. Nicht zuletzt deshalb hat der finanzpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Stadtparlament, Waldemar Kleber, gefordert, Organisation, Durchführung und vor allem die finanzielle Abwicklung in andere Hände zu legen. Zu den Aufgaben des Vereins soll weiterhin gehören, das jährliche Programm zusammen mit der künstlerischen Leitung zu erarbeiten und Serviceleistungen an den Spieltagen zu übernehmen.
Die Sozialdemokraten erwarten keine Patentlösung, sehen darin aber wenigstens den erkennbaren und hoffentlich ernst gemeinten Versuch, an dieser äußerst unbefriedigenden Situation – die das Stadtparlament schon seit Jahren beschäftigt - etwas ändern zu wollen.
In welcher Weise dies sinnvoll erfolgen kann, muss zwischen allen Beteiligten noch abgeklärt werden. Die Sozialdemokraten vermissen allerdings die Bereitschaft und das Interesse im Hinblick auf eine weitere Optimierung der Abläufe. Die SPD-Fraktion stimmte deshalb einem weiteren Zuschuss für die Wetzlarer Festspiele nicht zu, um endlich einmal ein politisches Zeichen zu setzen.
Auch für die Sozialdemokraten stellen die Wetzlarer Festspiele einen unverzichtbaren Bestandteil der Wetzlarer Kulturlandschaft dar. Dies entbinde allerdings nicht von der Aufgabe, die Festspiele einer soliden finanziellen Grundlage zuzuführen – so der kulturpolitische Sprecher Klaus Tschakert abschließend.
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